Buchbesprechung: 12 Rules for Life: An Antidote to Chaos – Regel 1

Ich hätte nicht gedacht, hier mal ein Ratgeberbuch zu besprechen. Ich muss gestehen Vorbehalte gegenüber Ratgeberliteratur zu haben. Zumindest, wenn es sich um einen Lebensratgeber handelt. Als liberaler glaube ich, dass das individuelle Leben zu komplex ist für eine pauschale Antwort. Als Konservativer wiederum glaube ich, dass die Werte unserer Kultur in vielen Situationen Orientierung genug bieten. Alles in allem sind das genügend Gründe, die gängigen schematischen Ratgeber mit Argwohn zu betrachten.

12 Rules for Life: An Antidote to Chaos wurde geschrieben vom kanadischen Psychologen Jordan B. Peterson. Peterson, er wird häufig als Leuchtturm eines neuen Konservatismus beschrieben, er selbst bezeichnet sich als klassisch liberal. Ohne Zweifel gehört er zu den einflussreichsten Denkern der angelsächsischen Welt.

Der Weg, der mich hierhin führte, ging über ein anderes Buch von Herrn Peterson. Maps of Meaning, nach dieser Lektüre hielt ich es für unwahrscheinlich, von ihm einen oberflächlichen Ratgeber lesen zu müssen.

Worum es geht

In unserer nihilistischen Welt, beherrscht von einem relativistischen Denken ist Petersons Ansatz Sinn und Wert in den Dingen zu suchen geradezu befreiend. Das ist ein Paradox, denn nichts, von dem, was Peterson sagt, ist irgendwie ermunternd. Sagt der postmoderne Mensch, wir hätten uns von den Affen wesentlich weiterentwickelt und der Mensch sei im Kern für das Gute bestimmt, so sagt Peterson, dass wir im Grunde noch genau die Primaten sind, die wir immer waren. Alles, was uns vor der Barbarei schützt, so Peterson, ist eine über Jahrtausende entwickelte Kultur und Disziplin. In Petersons Philosophie bedeutet Leben leiden und die Firnis der Zivilisation ist wahrlich dünn. Die von unseren Altvorderen geschaffene Kultur ist unser Schutz vor dem Bösen im Menschen. In „Maps of Meaning“ beschreibt Peterson es so:

Etwas, das wir nicht sehen können, schützt uns vor etwas, das wir nicht verstehen. Was wir nicht sehen können, ist die Kultur in ihrer intrapsychischen oder inneren Manifestation. Was wir nicht verstehen können, ist das Chaos, das die Kultur hervorbrachte. Wenn die Struktur der Kultur, wenn auch unabsichtlich, zerstört wird, kehrt das Chaos zurück. Wir würden alles tun – wirklich alles –, um uns vor dieser Rückkehr zu schützen.
Jordan B. Peterson – Maps of Meaning

Das Paradox ist nun, dass diese Botschaft einen Nerv getroffen hat und er ein Millionenpublikum erreicht. So unbequem es auch ist, dass Glück kein Lebensziel ist und bestenfalls flüchtig, die Beobachtung und klare Artikulation grundlegender Fragen und der Versuch einer Antwort darauf haben einen Nerv der Zeit getroffen.

Im scharfen Gegensatz zur gängigen westlichen Ratgeberliteratur bezeichnet Peterson in 12 Rules for Life althergebrachte Wertesysteme und Einschränkungen nicht als überholt. Im Gegenteil, konservative Werte werden als konstituierendes Element der Zivilisation benannt. Wandel, so Peterson, kann nur auf Basis eines festen Fundaments gelingen. Der Mensch muss auf festen Grund stehen, um den Schritt ins neue Wagen zu können.

Seine 12 Regeln sind in den USA und Kanada extrem beliebt, ich möchte sie Lesern dieses Blogs nicht vorenthalten. In den nächsten Tagen, werde ich in diesem Blog nach und nach alle 12 Regeln einzeln vorstellen. Beginnen wir heute mit Regel 1.

Regel 1 Steh aufrecht und mach die Schultern breit

In dieser Regel kommt das berühmte Beispiel mit den Hummern vor, welches es inzwischen zum Internet Hit gebracht hat.

Grundgedanke der Regel ist, dass so, wie wir Menschen begegnen, wir auch wahrgenommen werden. Hier geht es viel um Dominanz und wie andere Menschen uns einschätzen. Die Gehirnregion, welche für das Einschätzen der eigenen Position in der Hierarchie zuständig ist, ist eine der ältesten des Gehirns und funktioniert seit Jahrmillionen gleich, unabhängig von der Spezies, daher der Hummer Vergleich. Eine schlaffe und geduckte Haltung wird unterbewusst von unserem Gegenüber als unterlegene Verteidigungshaltung interpretiert. Ganz gleich, ob gewollt oder nicht.

Die Regel ruft dazu auf, die Haltung zu einer aufrechten und straffen Körperhaltung zu ändern, da damit eine positive Rückkopplungsschleife in Gang gesetzt wird. Positive Rückkopplungsschleife bedeutet, dass durch die bessere Einschätzung, die uns bei einer selbstbewussteren Körperhaltung entgegengebracht wird, dass Verhalten anderer Menschen uns gegenüber freundlicher wird. Das wiederum führt bei uns zu einer positiveren Wahrnehmung der Welt. Dieser Schritt erfordert insbesondere von Menschen mit wenig Selbstbewusstsein etwas Mut und Anstrengung, weil das Gehirn seine Angewohnheiten ungern ändert.

Nebenbei erklärt Peterson, wie das Belohnungszentrum des Gehirns arbeitet, warum Menschen am unteren Ende der Gesellschaft eher zu Alkohol als Ersatzbelohnung greifen und wie Angststörungen entstehen. Interessant und wichtig ist noch der Hinweis, dass geregelter Schlaf und gute Ernährung wichtige Unterstützung auf dem Weg aus einer Depression geben.

Diese Regel ist eine der umstrittensten des ganzen Buches, der gängigste Einwand ist, dass wir unsere Zivilisation daher aufbauen und verbessern, um nicht mehr im uralten Programm der Tierwelt festzusitzen. Dieser Einwand ist jedoch unbegründet, denn wir haben zwar die tödlichen Revierkämpfe abgeschafft, doch diese kulturelle Leistung dient eben nur dazu, um das uralte Dominanzprogramm in einem „kultivierten“ Rahmen fortzuführen. Im Wesentlichen sagt Peterson, dass Dominanzhierarchien uralt sind und egal in welcher Kultur und in welchem politischen System auch immer konstant sind.

Wir erschlagen uns zwar nicht mehr, unser Gehirn schätzt unsere Position und die unseres Gegenübers allerdings nach wie vor automatisch ein. Ob wir es wollen oder nicht.

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