Der Friedhof der Geschichte 1 – Verdrängtes Scheitern

Es gibt viele große gesellschaftliche Theorien, die sich überlebt haben und in der Vergangenheit ihre Unfähigkeit hinreichend bewiesen haben. Eine ist der Sozialismus, leider steht dieser in bestimmten Kreisen weiterhin hoch im Kurs und ist noch nicht auf seinen wohlverdienten Friedhof gelandet. Er ist ein Zombie der Geschichte.

Eine andere große Theorie ist auf dem Friedhof des Vergessens gelandet, nachdem ihr die Welt zugejubelt hat, sie ist hochrelevant, denn sie handelt vom Missbrauch der Wissenschaft durch die Politik. Eine Warnung vor politisierter Wissenschaft.

Ihr Schicksal war und ist mehr als nur das Vergessen. Der Bannstrahl des kollektiven Verdrängens traf sie. Nach ihrem Scheitern wollte niemand mehr Anhänger gewesen sein. Ihre Vertreter waren fortan nur noch die Toten. Schulbücher wurden umgeschrieben und Biographien geschönt, zu peinlich war die Erinnerung. Zu verlockend das Verdrängen. Der Feind war schließlich besiegt, die Teufel gefunden, seine Dämonen gebannt. Lasst sie, die Teufel, an allen Schuld sein, auf das ich den Verführern die Schuld geben möge und das Böse nicht in meiner eigenen menschlichen Schwäche vermuten muss.

Verdrängtes Scheitern

Eines Tages werden wir erkennen, dass es die erste Pflicht, unumgängliche Pflicht des guten Bürgers von der richtigen Sorte ist, sein oder ihr Blut in der Welt zu hinterlassen; und dass es unsere Sache nicht sein kann, den Weiterbestand der falschen Sorte Bürger zu erlauben. Das große Problem der Zivilisation besteht darin, einen relativen Zuwachs der wertvollen zuungunsten der weniger wertvollen oder störenden Elemente in der Bevölkerung zu sichern.
– Theodore Roosevelt The Works of Theodore Roosevelt, Bd. 21, New York 1923–26, S. 163

Die Wissenschaft warnt vor dem Niedergang der Menschheit. Die Erkenntnisse sind gesichert, niemand der in Wissenschaft und Politik etwas auf sich hält, wagt es die Gefahr zu leugnen. Die menschliche Zivilisation, so sagt man, ist vom Aussterben bedroht. Es droht der totale Absturz. Auf dem Spiel steht nicht mehr und nicht weniger als das Überleben unserer Spezies, so wie wir sie kennen.

Die Rede ist nicht vom Klimawandel oder einen Atomkrieg, tatsächlich leben wir nicht zum ersten Mal in einer Zeit, wo der Menschheit Erlösung oder Niedergang vorhergesagt wird.

Diese Geschichte soll von der Eugenik handeln. Was heute kaum noch jemand weiß und insbesondere die Deutschen speziell in der Zeit zwischen 1933 und 1945 verorten würden ist, dass dieser Begriff eine Vorgeschichte hat, die bereits lange vor 1933 begann. Nicht nur in Deutschland, in so ziemlich jedem westlichen Land. In den USA, Kanada, der Schweiz und ganz Skandinavien fand der Begriff und politisch daraus resultierende Forderungen breiten Anklang.

Der Weg ins Desaster

Formuliert wurde der Begriff bereits 1883 von Francis Galton, der Gedanke war, das positive Erbanlagen sich verbreiten sollen (positive Eugenik) und negative an der Verbreitung gehindert werden sollten (negative Eugenik).

Der Begriff und die zugrunde liegenden Ideen fanden Anhänger in allen Gesellschaftsschichten, bekannte Anhänger der Eugenik waren unter anderen, Winston Churchill, Theodore Roosevelt, Alexander Graham Bell, Margaret Sanger, Julian Huxley, D.H. Lawrence, George Bernard Shaw, H.G. Wells und natürlich Adolf Hitler. Schnell war man sich darüber einig, dass weniger nützliche Teile der Bevölkerung sich schneller vermehren als nützliche. Genauso schnell herrschte darüber Einigkeit, dass es doch eigentlich eine gute Tat sei, schlechtes Erbgut an der Verbreitung zu hindern. Es dauerte nicht lange und aus der ersten „Erkenntnis“ wurden Untergangsszenarien und aus der zweiten Vernichtungsfantasien.

Natürlich und auch das kommt heute seltsam bekannt vor, versammelten sich unter dem Deckmantel der Eugenik und des scheinbar unabwendbaren Untergangs der Zivilisation viele Personen und Parteien mit einer eigenen Agenda. In Einwanderungsgesellschaften wie den USA verbündeten sich radikale Fremdenfeinde mit den Eugenikern, um der Gefahr durch fremdes Erbgut zu begegnen. Im Vereinigten Königreich musste der Niedergang des Empire erklärt werden, gut das eine Theorie wie die Eugenik zur Hand war, jemand musste schließlich schuld sein.

In Deutschland entwickelte sich eine unheilige Allianz der Eugenik mit dem Arier Vorstellungen eines gewissen Arthur de Gobineau von 1852. Im Laufe der Jahre entwickelten sich analog zum sowjetischen Übermenschen in der Sowjetunion Vorstellungen vom arischen Übermenschen.

Ist der Niedergang gewiss, dann ist kein Preis zu hoch

Rassismus und andere Folgeerscheinungen durch Eugenik beeinflusster Politik galten als akzeptable Nebenerscheinungen zur Rettung der Menschheit. Die Aussicht auf das Weltende rechtfertigt eben so einiges.

Was alles schlechtes Erbgut ist, das ist ein dehnbarer Begriff. Einig war man sich überall darüber, dass bestimmte Gruppen grundsätzlich der Vermehrung nicht würdig seien, Juden zum Beispiel, galten im Allgemeinen als Geistesschwach. Schwarze und Asiaten ebenso. Die Umwertung der Werte brachte die bekannte Frauenrechtlerin Margaret Sanger auf dem Punkt, als sie sagte: „Die Nichtsnutze auf Kosten der Nützlichen zu behüten, ist ungeheuer grausam (…), für die Nachwelt gibt es keinen größeren Fluch, als ihr einen wachsenden Bestand an Schwachsinnigen zu hinterlassen.“

Die Erzählung vom Volk, dass durch Dämonen zum Nazi Terror verführt wurde, ist vielleicht der 1. Mythos der Moderne. Es ist vielleicht auch der Gefährlichste, denn er hebt die Clique um Adolf Hitler herum in den Status transzendenter Teufel und verbirgt, dass diese Dämonen auf den Boden einer Ideengeschichte standen. Diese Geschichte von Ideen war mehr war als bloßer Rassismus. Wir haben die Nazis zu teuflischen Dämonen erhoben, um eine Ausrede zu haben für unsere eigene Leichtgläubigkeit.

Doch, wenn das Böse wiederkommt, dann braucht es nur zu sagen: „Ich bin wenigstens kein Nazi“. Schon werden wir dem Bösen zujubeln, weil wir das Böse personifiziert haben, um es nicht in uns zu suchen.

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