Die deutsche Urteilsfreude

In den politischen „Debatten“ der letzten Jahre ist eine gewisse Hysterie zu beobachten. Diese aufgeheizte Stimmung kommt mit starken narrativen vor allen aus der Ecke der etablierten politischen und kulturellen Elite einher. Unter anderen daran erkennbar, dass wie selbstverständlich immer wieder Phrasen als Begründung für die vermeintlich „richtige“ Position auftauchen, z. B. „Das hilft dem Falschen“. Die „Falschen“ könnten an dieser Stelle „Klimaleugner“ sein. Damit ist die Diskussion dann beendet. Auf welcher Seite ein guter Bürger zu stehen hat, ist damit klar.

Wir deutschen sind Weltmeister darin, Dinge vorweg einzuordnen. Die Richtigkeit einer Aussage, so scheint es, ist irrelevant. Wichtig ist, dass diese stützt, was vorher als richtig erkannt wurde. Zuerst kommen Fragen, wie „Wem nützt, es“ oder als Aussage „Das hilft den Falschen“. Der deutsche Staat und seine Vertreter, vielleicht noch nicht einmal unbedingt die eher unpolitische Bevölkerung, sind verfangen im ideologischen Denken. Alles wird einen imaginierten höheren Nutzen untergeordnet oder nach Nützlichkeit für dieses „höhere Ziel“ bewertet.

Beinahe skurril wird es, wenn von Spaltung die Rede ist. Witzigerweise gibt es die Spalter, in diesem Fall nehmen wir mal die AFD, erst seit kurzen. Sie sind gleichzeitig auch die Spaltung, denn anhand ihrer Wähler lässt sich der Riss durch die Gesellschaft erkennen. Kann denn der Riss auch Ursache der Spaltung sein? Wie soll denn die AFD den Riss erzeugt haben, wenn ihre Gründung erst Folge der Spaltung war? Muss nicht vorher jemand etwas getan haben, dass zu dieser Spaltung führte? Diese Kräfte müssen die Spalter sein.

Das aber ist, nach urdeutscher Logik, völlig egal, denn der Überbringer der schlechten Botschaft ist der Feind, das Ziel der Eliten kann, und darf nicht infrage gestellt werden.

Wollen wir als Gesellschaft funktionieren oder wollen wir das „richtige“ tun?

So kann eine Gesellschaft auf Dauer nicht funktionieren, selbst wenn das hehre Ziel richtig sein sollte. Wir brauchen einen wertfreien und offenen Diskurs. Sogar, wenn wir grundlegend auf dem richtigen Kurs wären, was im Übrigen niemand wirklich wissen kann, muss der Weg dahin durch eine ständige Auseinandersetzung mit den Gegebenheiten geplant sein.

Nehmen wir einmal das Beispiel einer Bergüberquerung. Schön, wenn wir die Alpen überqueren möchten, doch macht es vielleicht Sinn diese an der höchsten und am schwersten passierbaren Stelle zu überqueren? Jemand der vorbeikommt und sagt das nicht weit entfernt, ein gut passierbarer Pass ist, der ist kein Querulant. Vielleicht ist diese Person das Beste, was uns jemals passieren konnte. Genau dasselbe ist es mit jedem Unterfangen. Sollten unsere Grundsätze als Gesellschaft die Richtigen sein, ist die Frage der konkreten Umsetzung längst nicht geklärt. Die scheinbar richtige Richtung kann in eine Sackgasse führen. Sollte etwas falsch sein, dann wird der Kritiker um so wichtiger. In jedem Fall gilt, wenn die Argumente gut sind, braucht keine Kritik gefürchtet werden. Lässt sich die eigene Position nicht verteidigen, weil grundlegende Fakten dagegen sprechen, dann muss die Angelegenheit wohl noch einmal überdacht werden.

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