Entmündigung 2 – Identität und Fundament

Die meisten Menschen sind tendenziell eher konservativ. Der überwiegende Teil der Bürger will, dass alles so bleibt, wie es ist, wenn es ihnen gut geht. In Deutschland geht es uns wirtschaftlich gut, die Menschen wollen ihr Leben nicht stets neu aushandeln.

Unsere Gesellschaft wird weiter vielfältiger werden, das wird auch anstrengend, mitunter schmerzhaft sein.“ […] „dass sich nicht nur die Menschen, die zu uns kommen, integrieren müssen. Alle müssen sich darauf einlassen und die Veränderungen annehmen.“
– Aydan Özoguz (SPD)

Das Zitat stammt aus einem Strategiepapier der Bundesregierung von 2015. Verfasst von der stellvertretenden SPD-Vorsitzenden Aydan Özoguz. Um den beschriebenen Prozess zu vollenden, heißt es als zu erreichendes Ziel für die Gesellschaft, dass Zusammenleben müsse täglich neu ausgehandelt werden.

Das wissen, wer man ist, ist Kern der Identität. Diese ist das Fundament, auf dem der Mensch steht. Sie macht uns unterscheidbar, grenzt ein Individuum vom anderen ab. Gesellschaftliche Identität sorgt dafür, dass Gruppen von Menschen sich miteinander als der Gruppe zugehörig fühlen.
Der Mensch ist nur ganz, wenn er auf einen festen Grund steht. Sonst gleichen wir einer Nussschale auf hoher See. Unfähig zu navigieren, den Kräften der Natur schutzlos ausgeliefert.

Um Streit zu vermeiden, haben wir im Westen nahezu alle Zugehörigkeiten gekündigt, sei es Tradition, Religion oder gar Nation, aber wir bezahlen das mit schwindender Sinnhaftigkeit, und das ist alles andere als eine Verbesserung.
Jordan B. Peterson

Freiheit und Orientierung

Seine Identität frei auszuhandeln ist keine Freiheit, es  ist nur Ausdruck von Freiheit für den, der aus freier Wahl entschied, dass was er ist, immer wieder abzulegen und sich dann neu zu erfinden. Die Handlung des Aushandelns ist also keine Freiheit, Freiheit ist es in einer Gesellschaft zu leben die diese Option bietet. Ein freier Akt der Entscheidung bedingt, dass es eine Alternative gibt. Ein Staat, der seinen Bürger ein Umfeld bietet, dass zwingt das Zusammenleben fortlaufend neu auszuhandeln ist nicht liberal. Er nimmt den Bürgern die Freiheit sich selbst zu entfalten durch den Zwang der fortwährenden Anpassung an die Gegebenheiten. Ein Unternehmen, das seinen Mitarbeitern die Möglichkeit bietet, die Arbeit frei einzurichten, wenn sie wollen, ist gut und flexibel. Ein Unternehmen, das von den Mitarbeitern verlangt die Verwaltung gleich mit zu erledigen ist nicht flexibel, sondern dysfunktional.

Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will.
– Jean-Jacques Rousseau

Eine Gesellschaft, die zwingt die kollektive Identität anzunehmen ist autoritär, eine Gesellschaft, die keine Identität zu bieten vermag, ist gar nicht. Wir schützen Flüchtlinge, nehmen sie auf und nähren sie, weil sie keine Heimat mehr haben, das Ziel ihrer Flucht kann nicht Heimatlosigkeit an einem anderen Ort sein. Für alle anderen Migrantengruppen gilt dasselbe. Die Menschen wollen nach Deutschland, die Reaktion Deutschlands kann und darf nicht sein sich einzugestehen, dass es sich selbst so wie es bisher war, aufgibt.

„Unser Land wird sich ändern, und zwar drastisch. Und ich freue mich drauf!“
– Katrin Göring-Eckardt (Grüne), Politikerin – 2015 auf einen Parteitag der Grünen kurz nach einsetzen der Flüchtlingskrise

Wie kann  eine Regierung sich anmaßen zu fordern, die eigene Bevölkerung zu Flüchtlingen im eigenen Land zu machen? Eine bestehende und funktionierende Gesellschaft einem Diktat der stetigen Neufindung zu unterwerfen ist im Kern ein radikaler Akt der Zersetzung.

Ich habe mich kaum je unter den Menschen so fremd gefühlt als gegenwärtig, oder ist es eine Täuschung durch Vergessen? Das Schlimmste ist, dass nirgends etwas ist, mit dem man sich identifizieren kann.
– Albert Einstein, Physiker – Über das Exil in Amerika

Das Resultat ist die Flucht in die innere Welt des Privaten, weil die äußere Welt keine Orientierung mehr bietet, keinen Anker, an dem das Individuum andocken kann. Das entmündigt und nimmt den Bürgern den sicheren Boden der Selbstgewissheit, die nötig ist, um an demokratischen Prozessen zu partizipieren. Nur der, der auf festen Boden steht, kann eine mündige Wahl treffen. Nur wer mündig ist, kann die offene Gesellschaft gegen ihre Feinde verteidigen. Anders gesagt, nur der Mensch, der weiß, wer er ist und was er ist, kennt seine Grenzen, nur wer diesen Rahmen seines Lebens kennt, kann mündig sein Leben lenken. Vergleichbar mit einem Unternehmenslenker, der sein Unternehmen nur führen kann, wenn er sein Unternehmen und das Umfeld in dem es sich bewegt kennt.  Nach dem Analogieprinzip gilt das, was im kleinen Maßstab gilt, auch im Großen.

Krisenfest?

In wirtschaftlich guten Zeiten werden die Risse in der Gesellschaft verdeckt, so wie ein Schiff bei ruhiger See seine Hochseetüchtigkeit nicht beweisen muss. Den Test muss eine Gesellschaft bestehen, wenn sie mit einer Krise konfrontiert wird. Nach 1945 hat unsere Gesellschaft diese Prüfung mit Bravour bestanden, die Trümmerfrauen, dass Wirtschaftswunder und die Aufnahme der Heimatvertriebenen. Epochale Aufgaben, gemeistert in der dunkelsten Stunde.

Eine gender- und identitätsfluide Gesellschaft, die sich täglich neu aushandeln muss, steht schon in wirtschaftlich stabilen Zeiten unter inneren Spannungen. Sie wird sich selbst kannibalisieren, denn sie hat sich ihrer eigenen Fundamente entledigt. Kein Kompass ist mehr da, der ihr die Richtung weist. Im Fall der Bundesrepublik kommt hinzu, dass die deutschen nach der Tragödie des Krieges keinen positiven Gründungsmythos mehr haben. Die Gesellschaft hat keine Stimme mehr, sie redet in einer Kakofonie, die keiner gemeinsamen Erzählung mehr folgt. Sie ist sprachlos, als Ganzes entmündigt.

Dies ist ein Zustand, der bedauert werden sollte, nicht gefeiert. Jeder, der sich über die atomisierte Gesellschaft freut, diesen Status als ideal sieht, sollte sich fragen, warum Menschen wie Pierre Vogel ihn begrüßen. Selbst jene, die im radikalen Islam Pierre Vogels keine Gefahr sehen, dürfen sich noch Fragen, warum auch andere in der mangelnden Krisenfestigkeit eine reale Chance sehen.

Dieser Riss kann fasst nicht tief genug sein, das ist eine echte Wunde, die muss ausgebrannt werden, da muss mal richtig nachgeschaut werden, was da los ist und ich hoffe sehr, dass die Krise so massiv ist und so gründlich, dass wir danach eine echte Wende haben. Das ist meine große Hoffnung und ein Teil meiner Arbeit geht dahin.
Kubitschek in „Die rechte Wende – 3sat – 22.11.2017 – Götz Kubitschek, AfD, Identitäre Bewegung“

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